Gesellschaft für Architekturtheorie

Gesellschaft für Architekturtheorie

Der Architekten- und Ingenieurverein lädt ein – eine große Ausstellung zur Verkehrswende. Oder das „Berliner Kartell“ revisited?

Beobachtungen von Ole Kloss, Deutsche Wohnen & Co enteignen – Kiezteam Friedrichshain

Am 5. September 2024 eröffnete die Open-Air-Ausstellung „Immer Modern! – Berlin und seine Straßen“ auf dem Mittelstreifen der Straße Unter den Linden in Berlin. Veranstaltet wird die Ausstellung von der Berlin 2070 gGmbH, einer Firma des Architekten und Ingenieur Verein Berlin Brandenburg (AIV). Geschäftsführer der gGmbH sind Tobias Nöfer, Architekt und Vorstand des AIV, und Dr. Benedikt Goebel, Stadtforscher, Vorstand der Stiftung Mitte Berlin sowie diverser Historischer Bau-Vereine und Mitglied des AIV-Kuratoriums. Schirmherr der Ausstellung ist der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner (CDU). Die Eröffnung wurde von einem zweitägigen Programm im Kronprinzenpalais begleitet, bei dem unter anderem Christian Gaebler (SPD), der Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, die Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (parteilos) und Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) sprachen. Neben der planerischen und baulichen Historie einigerausgewählter Straßen der Stadt, wurden 10 „renommierte Architekturbüros“ (immermodern.de) damit beauftragt, Zukunftsvisionen für 10 Straßen in Berlin und Potsdam zu entwerfen. Diese sind ebenfalls auf den Stelen in der der Ausstellung zu sehen. Medienpartner der Ausstellung ist die Berliner Zeitung. Moderator der beiden Symposiumstage ist der „Head of Development“ der Kilian Immobiliengruppe, einer der Förderer der Veranstaltung. [Abb. 10]

Inhaltlich steht im Mittelpunkt der Veranstaltung die Frage nach einem menschen- und klimagerechten Umbau der Berliner Straßen und die Rückgewinnung einer autozentriert gebauten Stadt für die Menschen. Viele Stimmen der Zivilgesellschaft wurden um Statements gebeten. Stutzig machen jedoch der Ankündigungstext, die Auswahl der Straßen, die Auswahl der Architekturbüros, deren Aufgabenstellung und die anderen beteiligten Protagonisten. Geht es hier vielleicht eher um lukrative Bauprojekte auf neu gewonnenem Bauland? Um Privatisierungen? Um Prestige, um die Festigung von Macht innerhalb der Berliner Architekt*innenschaft und um Stadtpolitik? Hat sich hier eine Art „Berliner Kartell“ gebildet?

Der Architekturtheoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm sprach in den 90er Jahren von einem „Berliner Kartell“[1] („Die Provokation des Gestrigen“, Dieter Hoffmann-Axthelm, „Die Zeit, 01.04.1994), das seiner Meinung nach damals die Berliner Stadtentwicklung beherrschte. Dieses bestand – so Hoffmann-Axthelm – aus Architekten, die Macht und Aufträge für sich sicherten, die eng mit der Politik verflochten waren und von der Bauwirtschaft gestützt wurden. An diesem „Kartell“ kam damals kein*e Berliner Architekt*in vorbei, so Hoffmann-Axthelm, der selber damals ein keinesfalls machtloser Teilnehmer dieses öffentlichen Ringens um Macht, Aufträge und Deutungshoheit war. Beobachtet man nun die Entwicklung der Jahre 2021-2024, die dominantesten Akteur*innen, ihre Netzwerke und Vorstellungen von guter Architektur und Stadt, kann man heute ebenfalls eine Kristallisation von gestalterischer, politischer und wirtschaftlicher Macht und einen diskursiven Kampf um eine hegemoniale Erzählung von Urbanität und Stadtgestaltung in den Händen einer kleinen, mächtigen Gruppe an entscheidenden Schnittstellen beobachten. Hoffmann-Axthelm ist ein Teil davon. Und wie in der restlichen Gesellschaft und der Berliner Politik ist die Richtung der von diesen Leuten vorangetrieben Entwicklung rückwärts.

Verkehrswende ja – aber kultiviert!

In den Ankündigungstexten und der Ausstellung wird die Praxis einer autogerechten Stadtplanung historisch an Beispielen dokumentiert und kritisiert. Nun, so Nöfer ebendort, müssten Expert*innen „kultivierte Antworten“ (https://immermodern.de/immer-modern/news/vorwort-von-tobias-noefer/) auf die Fragen der Zukunft geben. Das gibt die Richtung dieses Unternehmens vor, denn „kultivierte“ Antworten geben, das können nur die Expert*innen und die stellen sich hier vor. Im Architekten und Ingenieurverein Berlin-Brandenburg sind traditionsgemäß Architekt*innen, Ingenieure, Stadtplaner*innen, zusammen mit Industriellen und Politiker*innen organisiert. Auf Rückfrage eines Medienvertreters (Die Welt) bei der Pressekonferenz, wie es zu der Auswahl der Büros für diese Ausstellung gekommen sei, gab der Kurator eine ausweichende Antwort.

Kontroverse aktuelle Berliner Verkehrs-Themen kommen in der Ausstellung nicht vor und werden auch während der zwei Tage mit Symposien kaum thematisiert. Da wäre der geplante 17. Bauabschnitts der A100 dessen Baukosten gerade auf 1,8 Milliarden nach oben korrigiert wurden, und für den irrwitzige Bauten wie ein Doppelstocktunnel durch eine Wohnstraße und eine Brücke mitsamt Abfahrten über das Ring Center an der Frankfurter Allee im Osten der Stadt diskutiert werden. Oder der bereits seit den 1960ern geplante Bau der Tangentialverbindung Ost, mitten durch die Wuhlheide. Beide Projekte einer – noch quicklebendigen – Stadtplanung der autogerechten Stadt werden durch Umweltverbände und Bürger*innen Initiativen bekämpft. Zu Wort kommen diese hier nicht.

2023 hatte der AIV schon einmal ein Symposium zum Thema Verkehrswende und Rückbau der autogerechten Stadt organisiert (es sprachen u.a. Herr Bodenschatz und Frau Kahlfeldt).[2] Auch damals waren A100 und TVO kein Thema, obwohl das Symposium in Friedrichshain stattfand, ganz in der Nähe der geplanten Autobahntrasse.

Auf Nachfrage zur A100 Verlängerung gibt der AIV die Auskunft, dass sich der Verein in seinem Ansinnen „alleinig auf den Rückbau der A104“ bezöge, das sei „Vereinsintern und mit dem gesamten Vorstand abgestimmt.“ Aussagen zur A100 könne „Herr Nöfer nicht für den AIV tätigen, da es keine Beschlusslage dazu gibt.“[3] Auch in der aufgeladenen Diskussion um die kurzzeitig vor den Wiederholungswahlen zum Abgeordnetenhaus 2022 verkehrsberuhigte Friedrichstrasse äußerte sich Nöfer kritisch. Diese Verkehrsberuhigung sei rein „politisch motiviert“ gewesen. („Architekt Tobias Nöfer über die Friedrichstraße: „Vorrang für ein Verkehrsmittel ist im Stadtzentrum falsch“, Udo Badelt, Tagesspiegel, 23.11.2022) Der AIV möchte sich nicht als Auto-Gegner positionieren, der Verkehr soll aber abnehmen. Dieser Spagat macht die Bemühungen des Vereins an der Verkehrswende unglaubwürdig. In den Beiträgen des begleitenden Symposiums wird von mehreren Rednern passenderweise angeregt, man solle öffentlich gar nicht über Verkehr sprechen, sondern über Stadtentwicklung. Ein – von Nöfer wiederholtes – Fazit, man solle auch mal einer anderen Sicht zustimmen, wenn sie sich als richtig erweist, wird vermutlich dennoch nicht dazu führen, dass der AIV mal einem Straßenberuhigungsprojekt aus Grüner oder Linker Hand zustimmt. Der AIV verfolgt eine eigene Politik.

Was einem nach einigen Präsentationen der phantasievollen Großbauprojekte in den Sinn kommt ist, dass ein zukunftsweisendes, ökologisches, soziales städtisches Viertel in einem nahbaren Rahmen und städtisch finanziert doch eigentlich bereits ganz realistisch in Planung ist: der Molkenmarkt.

Hier wurde die Grunerstraße bereits verlegt und verkleinert und es soll von städtischen Bauherren ein Viertel mit „sehr guter Architektur“ (Koalitionsvertrag, S. 11) und modernem, autoreduzierten Verkehrskonzept entstehen. Breits ab 2027 können die Hochbauten starten.  Es gibt auch einen städtebaulichen Entwurf, der viele gute sozial-ökologische Ideen gesammelt hat. Doch in der Berliner Mitte geben sich die teilweise gleichen Akteure ganz anders. Hier in Mitte wird auch deutlich, dass es sich bei vielen der Akteure um ein Netzwerk handelt, das an mehreren Stellen zusammenarbeitet und welches seit 2021 an Macht und Einfluss gewinnt. Unter diesem Licht bekommt die Ausstellung „Immer Modern!“ dann einen endgültig schalen Beigeschmack.

Ein altes Netzwerk mit Interessen – Die Baumeister des neuen Berlin[4]

Will man die Vernetzungen einiger der Beteiligten verstehen, wird es kleinteilig. Man muss in die Berliner Mitte und weit zurückschauen. Einige der ausgewählten Architekturbüros, Redner*innen und beteiligten Wissenschaftler*innen sind mit den Organisatoren bereits seit den 1990ern verbunden. Durch die Auseinandersetzungen im Berliner Architektur Streit, durch die Zusammenarbeit am Planwerk Innenstadt, in der Planungsgruppe Stadtkern, dem AIV, dem Netzwerk für traditionelle Architektur INTBAU, dem Deutschen Institut für Stadtbaukunst und anderen Vereinen und Lobbygruppen, sowie durch Projekte wie das wiederaufgebaute Berliner Hohenzollernschoss, die neuen Altstädte in Potsdam und Frankfurt oder die geplante WerkBundStadt. Mit Einigen teilen die Organisatoren die libertäre, in den USA entstandene Ideologie des New Urbanism, welche neben respektablen, ökologischen Zielen eine Stadtentwicklung für private Eigentümer*innen propagiert.

In den 1990ern ging es um die Gestaltung Berlins als neue Hauptstadt des wiedervereinten Deutschlands. Gigantische Bauvolumen waren zu parzellieren, zu gestalten und umzusetzen, Boden sollte schnellstmöglich privatisiert werden. Damals entfachte der so genannte Berliner Architekturstreit, der hauptsächlich öffentlich, über Zeitungsartikel geführt wurde. Hoffmann-Axthelms Zeit-Artikel über das „Kartell“ von 1994 war ein Teil davon. In diesem Konflikt ging es keinesfalls nur um Architektur, Fassadengestaltung und deren identitärer Bedeutung für die neue deutsche Hauptstadt Berlin, sondern auch um (Gestaltungs-) Macht, Positionen und Aufträge. Tobias Nöfer war zwischen 1996 und 1998 unter Senatsbaudirektor Stimmann (AIV) im Büro von Architekt Bernd Albers Projektleiter für die Erarbeitung der Pläne für das historische Zentrum, des so genannten Planwerk Innenstadt zuständig.[5] Hoffmann-Axthelm plante mit. Auf dem Friedrichswerder planten sie gemeinsam mit Albers und Stimmann ein Areal, auf dem die Stadt kleine Townhouse-Parzellen vergünstigt an private Bauherren verkaufte. Beworben wurde dies als demokratisierende Maßnahme: die individuellen, wohlhabenden Bürger*innen auf ihren eigenen kleinen Parzellen bildeten in dieser Erzählung das Gegenbild zu autoritären oder kollektivistischen Gesellschaftssystemen. Entstehen sollte eine neue Bürgerstadt. Heute befinden sich in den Townhouses die teuersten Wohnlagen der Stadtmitte, die mit großem Gewinn verkauft, oder zu Rekordmieten weitervermietet werden. Es entstand eine Nobel-Nachbarschaft aus Spekulationsobjekten [Abb. 15].

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Abb.1: Beschreibung
Same same but different
Rekommunalisierung der Habersaathstraße 40-48
Bildschirmfoto 2024-10-30 um 17.24.21
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Abbildung 15