Der französische rechtsextreme Theoretiker Alain de Benoist rief 1982 zu einer Kulturevolution von rechts auf (de Benoist, 1982). In Aneignung der marxistischen Theorien Antonio Gramscis verstand er den Bereich der Kultur als Metapolitik. Diesem Verständnis nach setze eine Änderung der politischen Verhältnisse die vorherige Veränderung der kulturellen Verhältnisse voraus. Dabei nimmt die Architektur eine zentrale Stellung ein.
Dies lässt sich zum Beispiel in dem 2023 von dem rechtsextremen AfD-Politiker Maximilian Krah verfassten Buch Politik von Rechts nachvollziehen. Im Kapitel »Identität als lokale Gemeinschaft« argumentiert er, dass rechte Kommunalpolitik zuvörderst Kulturpolitik sein müsse, wobei der Städtebau ihren wichtigsten Bestandteil darstelle:
»Damit nicht alle Orte gleich und gleich häßlich aussehen, mit der Bauhauskiste als Standardneubau, muß Politik von rechts Architekturdebatten führen. Es geht um die Wiedergewinnung der jeweiligen Einzigartigkeit durch städtebauliche Rekonstruktion, wo durch die Bombardierungen des Zweiten Weltkrieges und die anschließende Zerstörung durch den Wiederaufbau das einstmals Prägende verschwunden ist« (Krah, 2023, S. 52).
Als positive Beispiele nennt er den Wiederaufbau von Symbolbauten wie dem Berliner Schloss und von Quartieren wie der Neuen Frankfurter Altstadt. Um zu einer »Übereinstimmung der konkreten menschlichen Gemeinschaft mit ihrer Umgebung« (Krah, 2023, S. 52) zu kommen, solle der über diese Rekonstruktionen hinaus erforderliche Neubau im „Heimatschutzstil“ (Krah, 2023, S. 52) erfolgen, der – was Krah nicht erwähnt – auch im Nationalsozialismus für den Wohnungsbau herangezogen wurde.
Denn »das eigene Dorf, die kleine Stadt oder der Stadtteil mit typischen, einprägsamen Gebäuden in einer einzigartigen und intakten Natur sind der äußere Eindruck, der im Inneren die Vorstellung von Heimat und Verwurzelung schafft. […] In diesem identitären Rahmen agiert eine Gemeinschaft von gleich Geprägten, die einander kennen, solidarisch sind und sich gegenseitig korrigieren. Niemand wird zurückgelassen.« (Krah, 2023, S. 53)
Mit Gemeinschaft meint Krah eine homogene Volksgemeinschaft: »Volk ist Realität. Über Jahrhunderte hat sich durch kollektive Evolution eine Gemeinschaft entwickelt, deren Mitglieder untereinander ähnlich sind, die typische Eigenschaften ausgeprägt und zu wunderbaren, weil einzigartigen Kulturleistungen geführt hat.« (Krah, 2023, S. 54)
Krahs Ausführungen sind Common Sense der sogenannten »Neuen Rechten«. Derartige Gedanken finden sich seit Jahrzehnten in deren Publikationen.[1] Doch nicht nur dort. Dieser Kulturkampf soll für breitere Kreise anschlussfähig sein und die gesellschaftliche Mitte erreichen. Dafür greifen Vertreter*innen der AfD und Autor*innen der Jungen Freiheit in Teilen der Öffentlichkeit vorhandene Stimmungen und Tendenzen auf, pauschalisieren und vereinfachen diese, polemisieren und polarisieren. Zugleich vermeiden sie bislang zumeist, Angriffsflächen zu bieten und sich eindeutig zu positionieren, etwa im Sinne einer völkischen Argumentation. Götz Kubitschek spricht in diesem Sinne auch von Selbstverharmlosung (vgl. Kubitschek, 2017). Der Diskursraum soll aber verschoben werden, weshalb sehr wohl auch Begriffe und Sentenzen der NS-Ideologie und ihrer Vorläufer benutzt, damit enttabuisiert und so in den Sprachgebrauch wieder eingeführt werden.
Exemplarisch für diesen rechten Kulturkampf sind einige der von Krah benannten Rekonstruktionsprojekte der letzten Jahre. Es geht nicht darum, Rekonstruktion per se zu skandalisieren – solche hat es in der Architekturgeschichte seit jeher gegeben. Doch Rekonstruktionen von Symbolbauten eignen sich besonders gut für eine nationalistische, autoritäre sowie völkische Identitätspolitik, wie es sich schon im Deutschen Kaiserreich bei Projekten wie dem Wiederaufbau der Marienburg, der Wartburg oder der Hohkönigsburg zeigte. Sie sollen die vermeintliche historische Identität und den Wesenskern einer Nation bzw. behaupteten Volksgemeinschaft zum Ausdruck bringen – in einem essentialistischen Ewigkeitssinn[2] und in der Vorstellung von gesellschaftlicher Homogenität.
Heutzutage lassen sich identitätspolitische Rekonstruktionsvorhaben etwa in Ungarn, Polen, Russland, Israel oder Indien finden.[3] In Deutschland sollen die Potsdamer Garnisonkirche und das Berliner Schloss das preußische Erbe für die neudeutsche Identität im wiedervereinten Deutschland aktivieren (vgl. Oswalt, 2023). Beide Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Wesentlichen von Akteur*innen der gesellschaftlichen Mitte getragen werden, rechtslastige Kreise aber auf ihre Entstehung und Ausformung relevanten Einfluss hatten und sich mit deren Architekturen identifizieren; mehr noch, sie verstehen sie gar als Aufbruchsignal. Anlässlich der Einweihung der Dresdner Frauenkirche schrieb der Herausgeber der rechtslastigen Wochenzeitung Junge Freiheit, Dieter Stein, im Jahr 2005 mit Blick auf das Berliner Schloss:
»Die Widerstände der deutschen Neurose sind zu brechen! Ein ganz neuer Enthusiasmus kann das Land erfassen, sich der Wiederherstellung wenigstens der Kerne der geschundenen deutschen Altstädte und Residenzen zuzuwenden und damit der Gesundung der deutschen Identität. Deutschland braucht eine architektonische Renaissance, die die Seele seiner Städte und damit die Seele aller Deutschen gesunden lässt.« (Stein, 2005)
Zwei Jahre später hieß es von ihm in seiner Zeitung zum Berliner Schloss: »Vielleicht ist endlich einmal Schluß mit dem ›Gebrochenen‹, ›Verfremdeten‹, ›irgendwie Anderen und Neuen‹. Das Schloß ist das Herz des preußisch geprägten Deutschland. Es wird wieder zu schlagen beginnen« (Stein, 2007). Zum Richtfest des Baus äußerte er im Jahr 2015: »Architektur ist Gestalt gewordener Wille zum Staat. In ihr läßt sich das Selbstbewußtsein einer Nation ablesen. […] Wir Deutschen gewinnen unsere Mitte wieder« (Stein, 2015).
Nun lässt sich gegen diese Darstellung einwenden, dass niemand vor Applaus von falscher Seite gefeit ist und haftbar gemacht werden kann. Stichhaltig aber ist ein solcher Einwand nicht. Denn es wäre ohne Schwierigkeit möglich, sich vor einer rechtsradikalen Instrumentalisierung zu schützen. Dann nämlich, wenn die Rekonstruktionen der Berliner Schlossfassaden und der Garnisonkirche Potsdam nicht »originalgetreu« erfolgen und damit den Eindruck erwecken würden, es hätte weder Brüche noch Zerstörungen gegeben. Ein optisch perfekter Nachbau der einstigen Gestalt von Nationalsymbolen verdrängt nicht nur die Veränderungen über die Zeit, die essenziell für ein historisches Verständnis sind, sondern er idealisiert den Ausgangspunkt, mit dem er sich durch exakten Nachbau uneingeschränkt identifiziert. Dass es anders geht, zeigen prominente Beispiele wie die Rekonstruktion der Alten Pinakothek in München (1946–1957) durch Hans Döllgast, der Paulskirche in Frankfurt (1947–1948) durch Rudolf Schwarz u.a. oder der Neuen Meisterhäuser in Dessau (2011–2014) durch BFM Architekten. Bei all diesen Bauten war es den Architekt*innen ein Anliegen, nicht allein den verlorengegangenen Bau wiederzugewinnen, sondern dessen ganze Geschichte anschaulich zu machen. Statt einem vermeintlichen Ideal wurde Geschichtlichkeit auch im Sinne von Brüchen aufgezeigt und in dieser Hinsicht aufklärerisch gewirkt, sei es, dass verlorengegangene und wiederhergestellte Bauteile in anderer Materialität erscheinen oder in abstrahierter Form.
Beispiel: Berliner Schloss/Humboldt Forum
Beim Humboldt Forum (Bild 1) entschied sich der Bund als Bauherr unter dem Einfluss von Spenderlobbyist*innen Schritt für Schritt gegen diesen Weg (vgl. Oswalt, 2023, S. 117–143). Dabei hätte dieser mit dem ursprünglichen Votum der internationalen Expert*innenkommission und dem Bundestagsbeschluss von 2002 noch offen gestanden. Ein entsprechender Entwurf von Kuehn Malvezzi – Architekten, welcher den Prozess der Rekonstruktion zum Thema machte und die Kuppel des Baus modern interpretierte, wurde mit fadenscheinigen Argumenten des Auslobers beim Wettbewerb 2008 als regelwidrig aussortiert. Durch den kurz zuvor abgeschlossenen Komplettabriss des Palastes der Republik hatte der Bauherr den teilnehmenden Architekt*innen zudem die Möglichkeit genommen, Teile dieses DDR-Baus als Spuren deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts in die architektonische Gestaltung einzubeziehen. Eine solche Option hatte die Expert*innenkommission explizit befürwortet und der Architekt Oswald Mathias Ungers hatte dafür bereits 1994 einen ersten Entwurf vorgelegt. Doch nun sollte es so aussehen, als hätte es die DDR nie gegeben, wie es ein legendäres Graffiti auf der Abrissbaustelle auf den Punkt brachte.
Beginnend mit der Wettbewerbsentscheidung entschied sich der Bauherr unter dem Einfluss von Spender*innen zudem, zusätzliche, ursprünglich nicht vorgesehene Bauelemente aus der Zeit vor 1918 originalgetreu zu rekonstruieren, womit er die Symbolbedeutung des Gebäudes radikalisierte. Wichtigster Baustein war die wegen des Christuskreuzes und des Bibelspruchs heftig umstrittene Kuppel aus der Zeit der Restauration Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch auch weitere Elemente wie die große Kartusche, die Innenportale, das Eckrondell und die Balustradenfiguren stärkten die restaurative Ausrichtung des Projekts. Umgekehrt wurde jeder Versuch, die Symbolbedeutung auszubalancieren und in ihrer Eindeutigkeit aufzubrechen, verhindert. Der Vorschlag der Gründungsintendanz von 2017, den Schriftzug »ZWEIFEL« im Rahmen des Kunstwerks PALAST DES ZWEIFELS des norwegischen Künstlers Lars Ø. Ramberg auf dem Bauwerk zu installieren, verwarf die Stiftung Humboldt Forum ebenso wie den Vorschlag von 2020, den Bibelvers nachts mittels einer LED-Installation mit anderen Zitaten zu überblenden.
Maßgeblich für diese Entwicklung war das Wirken des Fördervereins Berliner Schloss, dessen Versprechen, die Fassaden durch private Spenden zu finanzieren, dem Projekt eine basisdemokratische Legitimation verlieh und dem sich die Bundesregierung und der Bundestag als Bauherr daher verpflichtet sah. Die Tätigkeit des Vereins zeigt allerdings, dass die Argumente rechtslastiger Ideologen wie Dieter Stein keineswegs »Applaus von falscher Seite« waren. Bereits 1993 warb der Förderverein in der von Dieter Stein herausgegebenen Zeitschrift Junge Freiheit mit einer großen Anzeige um Spenden (vgl. Oswalt, 2023). Dem Gründungsvorstand des Fördervereins gehörte als stellvertretender Vorsitzender Dieter Lieberwirth an, der 1989–1990 gemeinsam mit Dieter Stein Mitglied im Landesverband der rechtsextremen Partei Die Republikaner gewesen war. Ende der 1980er Jahre tat sich Lieberwirth zunächst als NPD-Anhänger hervor (vgl. CDU-Bundesgeschäftsstelle, 1989, S. 9), bevor er sich langjährig als Funktionär bei der Partei Die Republikaner, u.a. in deren Bundesvorstand, engagierte und später dann bei der AfD (vgl. Recherche Büro Süd, 2019). Lieberwirth schied zwar 1994 aus dem Vereinsvorstand aus, blieb aber aktives Mitglied und Spender und trat als Unterstützer Wilhelm von Boddiens bei Mitgliederversammlungen des Vereins hervor. Lieberwirth blieb keine Ausnahme (vgl. Förderverein Berliner Schloss, 2006). Weitere AfD-Politiker*innen und Unterstützer*innen finden sich unter den Funktionär*innen und Großspender*innen des Vereins. Wilhelm von Boddien warb als Vorsitzender bzw. Geschäftsführer des Vereins in einigen extrem rechten und rechtsradikalen Kreisen für die Rekonstruktion des Schlosses, etwa in der vom Landesamt für Verfassungsschutz inzwischen als gesichert rechtsextrem eingestuften Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft Hamburg (Speit, 2003) und bei der rechtsradikalen Jungen Landmannschaft Ostpreußen (Boddien, 2001, S. 29–31). So ist es nur folgerichtig, dass eine Reihe von rechtslastigen bis rechtsextremen Personen für die historischen Rekonstruktionen spendeten und über optionale Bausteine auch auf deren Ausgestaltung Einfluss nehmen konnten (Schlossaneignung, o. J.). Keineswegs sind alle Fälle bekannt, da mehr als 30 Prozent anonyme Spenden sind. Auch die umstrittene Kuppel ist einem anonymen Spender zu verdanken, der mittels eines mittleren einstelligen Millionenbetrags die Realisierung dieses Bauteils sicherstellte. Ein weiterer rechtsradikaler Großspender ist der inzwischen verstorbene Berliner Privatbankier Ehrhardt Bödecker, der sich gelegentlich auch antisemitisch äußerte (Oswalt, 2021). Als dies vor drei Jahren in den Medien publik und problematisiert wurde, distanzierte sich der Förderverein im Gegensatz zu seiner Familie nicht von diesem, sondern behauptete wahrheitswidrig, der Vorwurf des Antisemitismus von Bödecker ginge auf Verfälschung von Zitaten zurück, die erst durch Zufügungen einen antisemitischen Dreh erhalten hätten (Schröder, 2022, S. 5–7). Zugleich bekannte sich der Verein ohne Einschränkung zu allen – und somit auch zu seinen rechtsradikalen – Spendern (Boddien, 2022, S. 2ff.). Umgehend lobte die Junge Freiheit ihn für seine Standhaftigkeit (Junge Freiheit TV, 2023, 14:00) (Bild 2). Der Vorsitzende des Vereins, Richard Schröder, ging sogar so weit, Holocaustleugnung als eine Frage der Meinungsfreiheit darzustellen und dafür zu plädieren, sie nicht zu verbieten (Schröder, 2022). Während diese Falschbehauptung nicht justiziabel ist, wurde Richard Schröder inzwischen die Falschbehauptung gerichtlich untersagt, die von mir vorgetragene Problematisierung des Antisemitismus von Bödecker basiere auf gefälschten Zitaten. Die entsprechenden Urteile ergingen durch das Landgericht Berlin (Az. 27 O 214/22 und 27 O 507/22) sowie das Kammergericht Berlin (Az. 10 U 63/24 und 10 U 132/22).
Die bundeseigene Stiftung Humboldt Forum leugnet und beschönigt die Probleme, behindert deren Aufklärung und bezichtigt mich trotz des erwähnten Gerichtsurteils gemeinsam mit dem Förderverein der Falschaussage. Zugleich freut sie sich über die weitere Zusammenarbeit mit dem Verein, stellt ihm nach wie vor einen großen Shop im Humboldt Forum mietfrei zu Verfügung und nimmt seine Spenden für zusätzliche Bauteile entgegen.
Beispiel Garnisonkirche Potsdam
Noch gravierender ist die Problematik beim Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam (Bild 3, Bild 4). Hier geht sogar der Ursprung des ganzen Projektes auf einen rechtsradikalen Bundeswehroffizier zurück, der das Projekt 20 Jahre lang vorantrieb, bis es schließlich von der evangelischen Kirche übernommen und realisiert wurde. 1984 begann der Fallschirmjäger Max Klaar mit der von ihm gegründeten Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel, einen Nachbau des Glockenspiels in der Bundeswehrkaserne im westdeutschen Iserlohn zu errichten. Nach dem Mauerfall schenkten sie dieses der Stadt Potsdam, wo es im April 1991 mit einem großen Festakt von Ministerpräsident Manfred Stolpe, Generalsuperintendent Günter Bransch und Prinz Louis Ferdinand von Preußen feierlich eingeweiht wurde. Vorher hatte die Stadt noch die Widmungen für die ehemaligen deutschen Provinzen östlich der Oder-Neiße-Linie und die Darstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 von den Glocken entfernen lassen. Erhalten blieben aber die Widmungen für Wehrmachtsverbände, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Mit diesem Objekt warben Max Klaar und seine Getreuen über viele Jahre für den Wiederaufbau der Kirche – mit Erfolg. Im Sommer 2000 lud Bischof Wolfgang Huber Max Klaar zu einem Gespräch ein. Bei diesem unterbreitete Klaar ihm erfolgreich ein Konzept für den Wiederaufbau. Für die Umsetzung wurde, wie von Klaar vorgeschlagen, eine kirchliche Stiftung gegründet, die mit großer Verzögerung und nach einigen Turbulenzen dann ab 2017 den originalgetreuen Nachbau des Kirchturms realisierte. Und auch hier gelang es den rechtslastigen Spendern und Förderern, die seitens der Kirche zwischenzeitlich angedachte Idee, an der äußeren Gestalt einen sichtbaren Bruch gegenüber dem historischen Bau sichtbar zu machen, abzuwenden. Stattdessen setzten sie einen ungebrochenen historischen Rückbezug in äußerer Gestalt, Nutzung und Namensgebung durch. Als die Spender auch noch Einfluss auf die zukünftigen Predigtinhalte nehmen wollten, kam es zwar zu einem Bruch, doch die vorherigen programmatischen Zugeständnisse blieben bestehen. Freudig übernahmen die evangelische und auch die katholische Kirche zudem die Spenden für andere Baumaßnahmen, richteten für Klaar und seine Mitstreiter Gottesdienste aus und verteidigten sie vor Kritik – selbst als Klaars rechtsradikale Ansichten allgemein bekannt waren.
Inzwischen bestreiten Ex-Bischof Wolfgang Huber und seine Partner die Rolle der Rechtsradikalen für die Entstehung und Konzeption des Vorhabens. Als der Lernort Garnisonkirche im Herbst 2020 in einer Ausstellung die »rechtsradikalen Einschreibungen« in das Projekt darlegte, sprach der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Garnisonkirche, der Historiker Paul Nolte, davon, dies grenze »an das, was wir momentan als Verschwörungsmythen diskutieren: Realitätsleugnung plus Überzeugtheit von geheimnisvollen bösen Kräften. Traurig, und kaum diskursfähig« (epd, 2020). Um dieser Leugnung entgegenzutreten, veröffentlichte ich einen Aufsatz in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte, der den Sachverhalt detailliert rekonstruiert. Eine Erwiderung gab es hierzu nicht, auch nicht auf die Kurzfassung des Textes in einem Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit (Oswalt, 2022). Während Nolte sein Dementi seitdem nicht mehr wiederholte, tun dies Wolfgang Huber (2023) und andere Befürworter des Projektes, wie die Journalistin Evelyn Finger, unbeirrt. So behauptet Finger, das Projekt sei im Herbst 1990 von den Bürgerrechtlern des Neuen Forums initiiert worden und Wolfgang Huber habe sich erst auf das Projekt »eingelassen, als klar war, dass die Bonner Nationalisten raus sind«. Als Klaars »rechte Geschichtsauffassung ruchbar wurde«, habe sich die evangelische Kirche von ihm »scharf distanziert« und »alle von ihm gesammelten Spendengelder« abgelehnt (Finger, 2024). Klaars rechtslastiger Geschichtsrevisionismus war allerdings in Potsdam schon seit 1990 bekannt. Kirchliche Funktionäre verteidigten ihn aber noch im Jahr 2015, als er – wieder einmal – die deutsche Alleinschuld am 2. Weltkrieg in Frage stellte, und sie nahmen auch seine Spendengelder noch freudig entgegen. Noch 2014 verwies die Website der Stiftung Garnisonkirche und ihre Fördergesellschaft Potsdam stolz auf den »Anstoß aus Iserlohn« und bis 2019 nutzten sie das Iserlohner Glockenspiel für die Bewerbung des Projektes. Erst als der kritische Lernort Garnisonkirche wegen der rechtslastigen Inschriften des Glockenspiels in einer Petition den Abbau des Glockenspiels forderte, verfügte der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert im Sommer 2019 dessen Abstellung.
Muster der Kritikabwehr
Ob Garnisonkirche Potsdam oder Berliner Schloss – die Akteur*innen aus der gesellschaftlichen Mitte reagieren auf die Kritik an der Rolle rechtslastiger Akteur*innen bei den Wiederaufbauprojekten mit einer ganzen Kaskade von Dementis: Die Nachbauten hätten keine Symbolbedeutung, schon gar keine nationale (Bodenschatz, 2024), eine solche sei, wie Jens Bisky im Literarischen Terzett im Literaturhaus Berlin behauptete, allein eine ideologische Projektion der Kritiker*innen (Literaturhaus Berlin, 2024, 49:00). Ohnehin spiele Preußen für Rechtsradikale keine Rolle (Schröder, 2022). Es gebe keine rechtsradikalen Spender*innen und Unterstützer*innen (Stiftung Humboldt Forum, 2022), und wenn es solche gegeben hätte, so habe man sich, wie Wolfgang Huber betont, von Anfang an abgegrenzt und diese ausgeschlossen (zitiert nach Finger, 2024). Und selbst wenn – Unterstützer*innen und Spender*innen hätten keinen Einfluss auf die Projekte (Raue, 2023). Wenn Rechtsradikale solche Projekte begrüßen, sei dies nicht überraschend – so what? (Bodenschatz, 2024; Literaturhaus Berlin, 2024, 49:00). Eine Kritik daran sei abwegig, weil die Projekte vom Bundespräsidenten,[4] von Menschen mit »bürgerlicher Reputation« (Wilhelm von Boddien, zitiert nach Bernau, 2021) bzw. laut Jens Bisky von »Sozialdemokraten« (Literaturhaus Berlin, 2024, ab 49:00) befürwortet und befördert würden – mithin unbescholtenen Menschen frei vom Verdacht der Rechtslastigkeit. Die Kritik beruhe laut Jens Bisky (Literaturhaus Berlin, 2024, 49:00) oder auch Paul Nolte (2020) auf Verschwörungsfantasien. Vera Lengsfeld (2024) spricht auch von einem Denunziations-Pamphlet, welches die Gesellschaft spalte (Lengsfeld, 2024; Bodenschatz, 2024).
Die Abwehr von Kritik beruht vornehmlich auf Realitätsleugnung. Doch der Geschichtsrevisionismus begrenzt sich nicht auf die Entstehungsgeschichte der Wiederaufbauvorhaben, sondern erstreckt sich auch auf die Historie des Ursprungsbaus. Politische Symbolbedeutungen und aus heutiger Sicht dem Ruf abträgliche Ereignisse werden in Abrede gestellt, relativiert oder verschwiegen,[5] und manch »positives« historisches Narrativ oder Ereignis frei erfunden.[6] Weil diese alternativen Fakten die umstrittenen Projekte anscheinend so überzeugend legitimieren, werden sie gerne aufgegriffen und reproduziert und finden sich auch vielfach in Büchern seriöser Verlage und in anderen Qualitätsmedien wie Tageszeitungen oder Magazinen. Bemerkenswerterweise gehen sie zumeist auf Autor*innen aus der gesellschaftlichen Mitte zurück und tragen zu deren – wenn auch selten gewollten – ideellen Gemeinsamkeiten mit rechtsradikalen Kreisen bei.
Antimoderner Kulturkampf
Beim Kulturkampf von rechts geht es aber nicht nur um nationale Symbolbauten. Diese gelten vielmehr als Leitbauten für eine viel breiter angelegte Argumentation, wie es schon der anfangs zitierte Text von Maximilian Krah offenlegt: Gezielt wird auf eine generelle und pauschale Verdammung moderner Architektur, die durch traditionelle, vormoderne Architekturformen abgelöst werden soll. Hier geht es um eine primitive Polarisierung in einem Schwarz-Weiß-Denken, das die reflexive Weiterentwicklung moderner Architekturen seit den 1960er Jahren ausblendet und gegen eine Art Zombie-Modernismus[7] vorgeht. Die verhasste Moderne wird als ein dämonisiertes Zerrbild gezeichnet, dem man eine beschönigte Tradition als heilsbringende Lösung gegenüberstellt. Dieser Kulturkampf wird in erster Linie als Bilderstreit ausgetragen, bei dem sich die Debatte von »guter« und »schlechter« Architektur auf Stilfragen der äußeren Erscheinung der Bauten konzentriert. Fachwerk, Ziegel und Natursteinfassaden, Steildächer, Giebel und Säulen gelten als positiv; Glasfassaden, Sichtbeton und Flachdächer hingegen als negativ. Primäres Medium der Agitation sind Social-Media-Kanäle von Instagram bis YouTube. In dieser Hinsicht operiert das vermeintlich Traditionelle hypermodern.
Wie sehr dieser Kulturkampf ein Kind der digitalen Ära ist, zeigt sich auch an den Produktionsformen »originalgetreuer« Nachbauten. Für diese wird auf das technische Bildmedium der Fotografie zurückgegriffen und es ist die Digitalisierung, mittels derer die verlorenen Bauten in ihrer äußeren Erscheinung »originalgetreu« nachgebildet werden. Ein entwerfender und gestaltender Architekt wird entbehrlich angesichts eines äußeren Erscheinungsbilds der Bauten, das allein mittels der Prozessierung technischer Bilder generiert und produziert werden kann. Insofern handelt es sich hierbei um ein »posthumanes Bauen«. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mittels KI dieses Verfahren auch zur Neuschöpfung von Bauten angewandt wird, die als Pastiche allein aus dem Bilderpool der präferierten Traditionsbauten entwickelt werden. Dies wird dann auch die Möglichkeit bieten, die Widersprüchlichkeiten in den reaktionären Strömungen der Gegenwart und die bestehende Kluft zwischen dem anarchokapitalistischen Technofuturismus und dem antiliberalen Traditions-Essentialismus zu überwinden.
Die heutige Verbindung von neotraditionalistischen Bauformen mit antiliberalen und antimodernen Ideologien hat sich seit den 1980er Jahren ausgebildet. Prince Charles veröffentlichte 1989 sein Buch A Vision of Britain. A Personal View of Architecture, nachdem er bereits fünf Jahre zuvor mit einer Polemik gegen moderne Architektur eine kontroverse Debatte in Großbritannien ausgelöst hatte. Anfang der 1990er Jahre entstand die Bewegung des »New Urbanism« in den USA, während in Berlin mit der Berufung von Hans Stimmann als Senatsbaudirektor Berlin die Ära einer »Neuen Berlinischen Architektur« im »preußischen Stil« eingeläutet wurde. Es ging bei diesen Entwicklungen um eine Neubewertung der in den Architekturdiskursen zuvor oft verpönten traditionellen Formen von Architektur und Städtebau. Dies wäre für sich genommen erst einmal unproblematisch, doch darauf begrenzte es sich nicht. Jeder dieser Vorstöße ging mit einer grundlegenden Diffamierung moderner Bauformen einher, was zudem mit politisch problematischen Argumentationen verbunden wurde. So war hierbei ein Kulturpessimismus in der Tradition der konservativen Revolution gang und gäbe; gesellschaftliche Ideen des Kollektiven und des Homogenen wurden beschworen (vgl. Oswalt, 1994). Punktuell begleitet wurde dies von positiven Bezugnahmen auf totalitäre Architekturen wie etwa die Bauten des NS-Architekten Albert Speer oder der Ostberliner Stalinallee. Auch wenn die Kontroversen hierzu in einer größeren medialen Öffentlichkeit ausgetragen wurden, war die Themensetzung zunächst fachlich und vom beruflichen Lobbyismus, weniger von expliziten politischen Agenden geprägt.
Eine stärkere ideologische Aufladung trat erst später deutlich in Erscheinung. Der britische rechtskonservative Philosoph Roger Scruton führte mit seinem 2004 erschienen Buch England and the Need for Nations den Begriff der Oikophobia ein (Scruton, 2024, S. 33–38). Als Gegenbegriff zur Xenophobie, dem Fremdenhass, sollte dieser den vermeintlichen Selbsthass bzw. Hass auf die eigene Kultur benennen. Scruton wandte sich gegen die kritische Selbstreflektion abendländischen Denkens wie bei Jean-Paul Sartre und Michel Foucault, in der er autodestruktive Auswüchse eines liberalen Denkens zu erkennen glaubte, welche die bürgerliche Gesellschaft angreifen und zerstören. Auf diese Weise werde eine Anti-Kultur etabliert, welche einen nationalen Gemeinsinn und westliche Traditionen auslösche. Während er in diesem Buch keinen Bezug auf Fragen der Architektur nahm, hatte er sich diesen mit verwandten Argumenten bereits in seinen früheren Büchern The Aesthetics of Architecture (1979) und The Classical Vernacular: Architectural Principles in an Age of Nihilism (1995) zugewandt. Er stellte hierbei die Kulturfähigkeit moderner Architektur grundsätzlich in Frage und forderte eine Rückkehr zu klassischen westlichen Traditionen. In dem 2009 für die BBC produzierten Film Why Beauty Matters spitzte er diese Argumentation polemisch zu, sprach wiederholt vom »crime of modern architecture« und bezeichnete moderne Architekten als Vandalen.
International hat sich Scrutons ästhetisch-philosophisches Denken in den letzten zwei Jahrzehnten zur Leitideologie rechtspopulistischer und rechtsradikaler Architekturauffassungen etabliert – sei es in den Niederlanden, Ungarn oder den USA. Es sind dabei gerade architektonische Laien – Politiker*innen oder Journalist*innen –, die diese Argumentation aufgreifen und zu einem zentralen Baustein ihrer rechtslastigen, nationalistischen und grundlegend antiliberalen Ideologien machen. Attraktiv an Roger Scrutons Argumentation ist, dass sie Kunst und Architektur in eine grundsätzlich antiliberale und antiuniversalistische Philosophie zu Gesellschaft und Nation, Tradition und Ethik einbindet. So hat in den Niederlanden der rechtsradikale Publizist und Politiker Thierry Baudet mit seinem Buch Oikophobia: The Fear of Home (2013) den von seinem Doktorvater Roger Scruton geprägten Terminus aufgegriffen. In seiner drastischen Polemik bezeichnet er den Städtebau und die Architektur Brasílias als ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« (Baudet, 2013, S. 183) und alle moderne Architektur nach 1945 als »Müll«, der »nichts als soziales Elend, kulturellen Kahlschlag und Trauer hervorgebracht« habe (Baudet, 2013, S. 182). Er lobt das Werk des neoklassizistischen Architekten Léon Krier und verdammt den avantgardistischen Architekten Rem Koolhaas als »größten Feind der Menschheit« (Baudet & Rijpkema, 2011) – sein Fazit: »Fuck Koolhaas« (Baudet, 2013, S. 185). 2017 erschien dieses Buch auch in deutscher Übersetzung in dem rechtsradikal ausgerichteten Ares-Verlag.
Roger Scruton war auch eine zentrale Inspirationsquelle für den US-amerikanischen Publizisten Justin Shubow, der während der ersten Präsidentschaft Donald Trumps Mitglied der »United States Commission of Fine Arts« war und diese zuletzt leitete. Im August 2024 skizzierte Shubow mit seinem Aufsatz »Make America Beautiful Again« ein baupolitisches Programm für die zweite Amtszeit Trumps (Schubow, 2024). Am ersten Tag seiner erneuten Präsidentschaft, dem 20. Januar 2025, erließ Donald Trump die Executive Order »Promoting Beautiful Federal Civic Architecture« (The White House, 2024), deren Entstehung nicht zuletzt dem Einfluss der von Shubow geleiteten National Civic Art Society zugeschrieben wird (Dreith, 2025). Sie war eine der 26 Executive Orders, die der neu gewählte Präsident an seinem ersten Tag im Amt unterzeichnete und zeigt den Stellenwert, der Architektur in der Kulturpolitik des Rechtspopulismus eingeräumt wird. Bereits fünf Jahre zuvor, am Ende seiner ersten Amtszeit, hatte Trump die Executive Order »Make Federal Buildings Beautiful Again« erlassen, welche eine klassizistische Bauweise für alle staatlichen Bauvorhaben festschrieb, aber nach der Abwahl Trumps von Joe Biden wieder aufgehoben wurde. Auch in den Reden und Interviews des argentinischen Rechtspopulisten und Anarchokapitalisten Javier Milei spielt Architektur eine wichtige Rolle.[8] Die überraschende Verbindung eines Plädoyers für deregulierten Kapitalismus und rigider ästhetischer Kontrolle mag auf den ersten Blick überraschen, findet sich aber ebenso beim US-amerikanischen Think-Tank »Manhattan Institute for Policy Research«, der eng mit dem Trump-Vertrauten Rudy Giuliani verbunden ist. Dessen Magazin City Journal hatte nicht nur den New Urbanism propagiert, sondern auch mehrere Artikel von Roger Scruton zu Architektur und Städtebau publiziert und in jüngster Zeit auch Beiträge von Justin Shubow.
Das Paradox der Ideologie einer neotraditionalistischen und nationalistischen Architektur ist, dass diese internationalistisch ist, sich in den verschiedenen Ländern aus den gleichen ideologischen Quellen speist und international vernetzt ist. Für Letzteres dienen unter anderem digitale Plattformen im Internet und internationale Konferenzen. So treffen sich z.B. auf der Konferenz »Beauty and Ugliness in Architecture« in Oslo Theoretiker*innen und Architekt*innen aus diversen Ländern, unter ihnen Justin Shubow, der belgische Architekt und ideologische Gründervater der Bewegung Léon Krier sowie die Berliner Architekten Robert Patzschke und Thomas Albrecht. Man inspiriert sich wechselseitig, bestärkt sich und will so zu einer wachsenden internationalen Bewegung für eine kulturelle Trendwende beitragen (Beauty and Ugliness, 2024). Aus einem von der »Prince’s Foundation for the Built Environment« geförderten Forschungsprojekt ist 2001 das »International Network for Traditional Building, Architecture & Urbanism« (INTBAU) hervorgegangen, das inzwischen über nationale Suborganisationen (sogenannte »Chapters«) in 40 Ländern verfügt (Intbau, o. J.) All dies findet außerhalb der üblichen Berufsorganisationen und Medien der Architekturpublizistik statt, welche die neuen alternativen Vernetzungsstrukturen bislang so gut wie nicht wahrgenommen haben.[9]
Im Internet erfreuen sich neben nationalen Vernetzungsstrukturen, wie dem »Institute of Classical Architecture & Art« (ICAA) in den USA und »Stadtbild e.V.«[10] in Deutschland, vor allem internationale Plattformen wie »Architectural Rebellion/Architectural Uprising«[11] oder »The Aesthetic City«[12] mit zehntausenden Followern großen Zuspruchs. Sie propagieren auf Instagram und YouTube in Kurzbotschaften eine architektonische Kulturrevolution, die alles »Moderne« und Plurale verdammt und stattdessen einen essentialistischen »Traditionalismus« und einen homogenen und damit »schönen« Städtebau propagiert. Intensiv beteiligen sich an diesem internationalen Netzwerk auch Akteure aus Deutschland, die sich zu Hause als der lokalen Tradition und Geschichte verpflichtet ausgeben und Globalisierung, Internationalisierung sowie Amerikanisierung von Architektur und Städtebau kritisieren.
In den internationalen Netzwerken werden Projekte wie der Neumarkt in Dresden, die Frankfurter Neue Altstadt oder diverse Rekonstruktionsprojekte aus Potsdam und Berlin in ihrer Schönheit und Traditionsverbundenheit als vorbildhaft propagiert, wobei die mit diesen einhergehenden lokalen Kontroversen sowie ihre historischen, ökonomischen und politischen Zusammenhänge ausgeblendet werden. Doch muss man hinter die Bilderreigen der Renderings und Fassadenfotos blicken, um die ideologische Problematik zu verstehen. Nicht das Auftauchen neotraditionaler Fassaden an sich ist ein Problem, sondern die Rolle, die sie im gesellschaftlichen Kontext und im städtischen Gefüge einnehmen. Es macht einen Unterschied, ob private Bauherr*innen auf eigene Kosten Wohn- und Geschäftshäuser mit neotraditionellen Fassaden errichten oder ob der Staat im symbolischen Zentrum einer Stadt mit öffentlichen Mitteln historische Bauensemble nachempfindet oder nachbaut und dabei eventuell auch vorhandene Strukturen der jüngeren Vergangenheit beseitigt.
Da sind zum Beispiel die 35 Neubauten der Frankfurter Neuen Altstadt, welche – so hieß es – der Stadt ein Stück ihrer Identität und Heimat zurückgeben sollen.[13] Doch was heißt Identität und was Heimat? Gemäß einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach verbinden die Menschen mit dem Heimatbegriff vor allem ihre gewohnte Alltagsumgebung und den Wunsch nach deren Bewahrung (Petersen, 2018). Doch bei der identitätspolitischen Bildpolitik neotraditioneller Architektur geht es weniger um die Qualitäten des Alltagslebens als um symbolische Setzungen. Während die Immobilienmärkte dereguliert und globalisiert werden und gemeinnützige Wohnungsbestände sowie öffentlicher Grund und Boden privatisiert werden, erfolgt in den Stadtzentren die Errichtung kleiner neohistorischer Quartiere, die für die Städte als identitäts- und heimatstiftende Rückgewinnung der eigenen Geschichte dienen sollen. So hat die Stadt Dresden 2006 den gesamten kommunalen Wohnungsbestand privatisiert, während sie das Quartier um den Neumarkt neohistorisch gestaltete. Die Stadt Frankfurt am Main errichtete in den Jahren 2012 bis 2018 die Neue Altstadt als historisierende Fassadenkulisse mit 80 Wohnungen. Parallel hierzu wurde das knapp 90 Hektar große Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs privatisiert und von einem globalen Immobilienfonds für etwa 40 000 Wohn- und Arbeitsplätze als »Europaviertel« entwickelt, mit der üblichen Mischung aus konventionellem Städtebau, mediokrer Architektur, hohen Wohnungspreisen und großen Gewinnmargen für die Kapitalanleger*innen. Während der Staat durch Privatisierung und weitgehendes Desinteresse auf Einflussmöglichkeiten bei der Ausgestaltung qualitätsvoller Alltagswelten und damit neuer Heimaten verzichtet, errichtet er als symbolische Geste ein historisierendes Bauensemble mit 80 Wohnungen für 272 Mio. € als staatliches Bauvorhaben mit einer Hyperkontrolle bis ins kleinste Detail – eine Bildwelt als Heimatersatz.
Das dabei verfolgte Geschichts- und Identitätsverständnis ist zudem problematisch, weil es einen Ausschnitt der Vergangenheit als Herkunft und Wesenskern idealisiert und dabei andere Dimensionen der Geschichte ausblendet und eliminiert. Dem Bau der Neuen Altstadt folgt in Frankfurt am Main nun der Abriss der Doppelanlage der Städtischen Bühnen von 1963 – ein in der Nachkriegsepoche identitätsstiftendes zentrales öffentliches Gebäude, welches das damalige Engagement für die Demokratisierung der Stadtgesellschaft in architektonisch gelungener Weise zum Ausdruck brachte.
Auch in Potsdam gibt es diesen Rigorismus: Dort hat die Potsdamer Stadtregierung gegen erhebliche Widerstände aus der Stadtgesellschaft im Stadtzentrum nahezu alle Bauten der DDR-Zeit eliminiert, um die Fiktion eines barocken Arkadiens wirklich werden zu lassen.
All dies geschieht unter den scheinbar unverfänglichen Mottos von Schönheit und Wiedergewinnung von Stadtraum und Geschichte. Doch führt dies eben nicht zu einem Zugewinn an Geschichte, sondern stellt eine Art baulichen Geschichtsrevisionismus dar, der authentische Zeugnisse von Geschichte auslöscht und sie mit Nachbauten aus idealisierten Epochen ersetzt.
Breite Kreise der gesellschaftlichen Öffentlichkeit stehen diesen Projekten und den damit einhergehenden antimodernistischen Polemiken unkritisch gegenüber und nehmen deren identitätspolitischen und antiliberalen Kern nicht wahr oder verdrängen ihn. Nur als die AfD im sachsen-anhaltischen Landtag einen Beschluss-Antrag gegen das Bauhaus einbrachte und das in rechtslastigen Kreisen übliche Moderne-Bashing betrieb, gab es einen öffentlichen Aufschrei und breite Kritik. Ansonsten aber gelingt es der extremen Rechten, bei Rekonstruktionsprojekten und im Moderne-Bashing an die gesellschaftliche Mitte anzuknüpfen und diese zu infiltrieren. Symptomatisch ist etwa der Internet-Blog von Stadtbild. e.V., zu dessen Partnern fast alle deutschen Wiederaufbauinitiativen wie etwa der Förderverein Berliner Schloss, die Fördergesellschaft Garnisonkirche Potsdam oder die Frankfurter Initiative Pro Altstadt gehören. Hier werden in zahlreichen Beiträgen die Texte rechtslastiger Publizisten wie Norbert Borrmann, Claus Wolfschlag und Dieter Stein gelobt, wie auch die Kultur- und Baupolitik von Politikern wie Victor Orbán (Bild 5) und Donald Trump. Vereinzelt gibt es Widerspruch, aber die große Mehrzahl befürwortet diese Positionen, etwa mit den Worten: »Was Orbán vor hat in Budapest mit wunderbare Rekonstruktionen der ›grosse‹ Vergangenheit nenne ich erst recht mutig und vernünftig« (Klassiker, 2021a). Auch ein anderer Nutzer meint, dass Orbán alles richtig mache, wenn er »Bausünden« abräume und ersetze mit »ehemaligen Gebäude aus schöneren Tagen. Auch eine Art der Wiedergutmachung – an der Gesellschaft und am Stadtbild sowieso!« (Exilwiener, 2021) Daher kommt dann auch der Vorschlag auf: »Vielleicht braucht Berlin einer Figur wie Herr Orbán!!« (Klassiker, 2019) Denn »es ist nur eine Frage von Prioritäten stellen und Ausdruck geben wollen von Stolz und Schönheit, so wie das in D[eutschland]. war zwischen 1900 und 1914.« (Klassiker, 2021b) Unter dem Deckmantel von Kultur, Schönheit und Stadtreparatur vollzieht sich ein Zusammengehen von konservativen und rechtsradikalen Kräften. Dies führt zu der von Alain de Benoist eingeforderten Diskursverschiebung und ist ein wichtiger Schritt der »Neuen Rechten« auf der Suche nach gesellschaftlichen Mehrheiten für ihre identitätspolitische Agenda.
Der Text erschien zuerst in: Themenheft „Die Unwirklichkeit unserer Städte“ der Zeitschrift „Freie Assoziation – Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie“, 1/2025, Oktober 2025, S. 13-32
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Exemplarisch sind hierfür die weiter unten zitierten Beiträge von Dieter Stein in der Jungen Freiheit oder Claus Wolfschlags Aufsatz »Heimat bauen. Für eine menschliche Architektur.«
Siehe zum Konzept der Politik der Ewigkeit (Snyder, 2019, S. 15ff).
Dazu zählen die Neugestaltung des Regierungsviertels der Burg Buda sowie mittelalterliche Burgen und Kirchen aus der Zeit des Großungarischen Reichs, das Königsschloss Posen und das Sächsische Palais in Warschau, Neu-Cherson in der ukrainischen Stadt Sewastopol, zuvor die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, Bestrebungen um den Bau des Dritten Tempels in Jerusalem sowie der Somnath-Tempel in Veraval und der Hindu-Tempel in Ayodhya.
[4] Paul Nolte im Gespräch mit Protestierenden bei der Einweihung der Kapelle der Garnisonkirche Potsdam, 1.4.2024
[5] So habe etwa die Berliner Schlosskuppel laut Richard Schröder keine politische, sondern eine rein private Bedeutung. Das Eosanderportal als Nachbau eines römischen Triumphbogens ist laut Jens Bisky kein Zeichen imperialen Denkens (Schröder, 2023; Literaturhaus Berlin, 2024, 49:00).
[6] So war die Garnisonkirche angeblich ein Ort des Widerstands gegen den Nationalsozialismus (vgl. Stolpe, 2006; Finger, 2024); eine gegenteilige Einschätzung findet sich hingegen bei Keyserlingk (2013).
[7] Der Begriff Zombie-Modernismus wird hier in Anlehnung an den Begriff des Zombie-Sozialismus von Liviu Chelcea und Oana Druţǎ verwendet (Chelcea/Druţǎ, 2016).
[8] So etwa der Passus zur Architektur in Tucker Carlsons Interview mit Javier Milei, 15.09.2023, 14:47-17:54 Architecture = 3,07, ca. 10% der Gesamtlänge von 32:48, https://www.youtube.com/watch?v=h0-8tAtJStM, Schlusspassage des Ted Talks von Javier Milei, 11.02.2019, 18:22 – 19:20, https://youtube.com/watch?v=jEEQ4bevw1Q&feature=shared. Ich danke Joaquín Medina Warmburg für den Hinweis.
[9] Ich danke dem Berliner Filmschaffenden und Aktivisten Ole Kloss, der mir hierzu seine noch nicht veröffentlichten Recherchen zur Verfügung stellte, deren Informationen in meine Darstellung einflossen.
[10] Ein 2006 in Berlin gegründeter deutschlandweiter Verein mit gegenwärtig 21 weitgehend eigenständigen Orts- und Regionalverbänden, der primär über sein umfangreiches Webforum »Architectura Pro Homine« kommuniziert.
[11] Ein 2016 in Schweden gegründetes internationales Netzwerk mit über einem Dutzend Ländersektionen und einigen Regionalgruppen inklusive Berlin. Auf Instagram hat das internationale Netzwerk gegenwärtig ca. 35.000 Follower, die Sektionen und Ländergruppen jeweils ca. 10.000.
[12] Eine 2021 von dem niederländischen Urbanisten Ruben Hanssen gegründete Plattform mit gegenwärtig ca. 45.000 Followern auf Instagram und 176.000 Abonnenten auf YouTube.
[13] Siehe hierzu etwa die Broschüre Perspektiven für die Frankfurter Altstadt der CDU-Stadtverordnetenfraktion (2015).





